Geschichten aus Suburbia – Prolog: Wir ziehen aufs Land!

„Ihr zieht also aufs Land!“, höre ich meine Freundin zu mir sagen, während ich in meinen veganen Bagel beiße. Äußerlich bleibe ich cool, doch innerlich schrillen die Alarmglocken.
Der Satz hat in mir mein 20-jähriges Ich geweckt. Laut schreit es zu mir: „Nein! Niemals ziehe ich aufs Land. Ich bin eine Weltenbummlerin, eine Großstädterin.“

Ich versuche die Sache vor diesem wilden Partygirl in mir zu rechtfertigen. Eigentlich ziehen wir ja gar nicht aufs Land. Es sind eigentlich nur drei S-Bahn Stationen raus aus der Stadt. Aber trotzdem stimmt es auch irgendwie: Das ist schon ganz schön ländlich da wo wir hinziehen. Dort gibt es keine über vierstöckigen Häuser. Es gibt keine trendigen Bars und hippen Restaurants. Keine Supermärkte die 24 Stunden geöffnet haben.

Es gibt aber halt auch keine Penner und Touristen. Stattdessen gibt es Einfamilienhäuser mit Gärten. Es gibt Nachbarn, die sich einfach so auf der Straße grüßen. Es gibt einen Bus, der außerhalb der Stoßzeiten und in den Ferien nur alle 20 Minuten fährt, und das auch nur bis 22 Uhr. Es gibt sehr viele Bäume und ein Naturschutzgebiet. Sowieso gibt es sehr viel Grün. Und vor allem gibt es Ruhe. Die Ruhe, die wir uns nach sechs Jahren inmitten der Großstadt, inmitten des Trubels einer der Berliner Partymeilen so gewünscht haben. Ja, wir haben es so gewollt.

Trotzdem stellt sich jetzt der Zweifel bei mir ein. Schließlich haben wir uns doch nie so gesehen, als die langweiligen Spießer im Reihenhaus. Aber wir kommen wohl nicht mehr an der Tatsache vorbei, dass wir es anscheinend doch sind. Wir können diese Tatsache auch nicht unserem Kind in die Schuhe schieben, das wir immer als den Hauptgrund für diesen drastischenTapetenwechsel nennen.
Natürlich sind wir bedacht auf die Sicherheit und Freiheit unserer Tochter. Natürlich wollen wir ihr ein eigenes Zimmer bieten, ein Haus mit Garten, ein Umfeld mit vielen anderen Kindern und mit viel Natur. Wir wollen ihr eine Kindheit bieten, wie wir sie auch gehabt haben, nur halt nicht auf dem Dorf, sondern in Suburbia – der Berliner Vorstadt.

Pleasantville haben wir den Ort bereits beim zweiten Besuch getauft. Er ist so schön, dass er beinahe nicht real scheint.
Trotzdem habe ich Angst davor. Angst, die vielen Bequemlichkeiten des Stadtlebens aufzugeben. Angst, mein Sozialleben zu verlieren.
Ich versuche mich zu beruhigen: „Das wird schon alles gut. Du wolltest es schließlich so.“

Ich nehme also einen weiteren Biss meines Bagels und entgegne der Aussage meiner Freundin mit einem aufgesetzten Lächeln.
„Ja, genau. Aufs Land! Das wird toll“, sage ich. Doch was da wirklich auf mich zukommt, kann ich nur erahnen.


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