Geschichten aus Suburbia – Kapitel 1: Rollrasen

Um uns herum türmen sich noch die Kisten, und eine Küche haben wir auch noch nicht, doch die ersten Möbel stehen schon, und so langsam macht sich ein Gefühl der Endgültigkeit in uns breit. Endgültig, weil wir die Schlüssel für unsere alte Wohnung mitten in der Stadt an die neuen Mieter übergeben haben. Endgültig, weil es nun kein Zurück mehr gibt.
Wir sind nun Vorstädter, Mieter eines Reihenhauses, echte Spießer. Zumindest fast. Denn so chaotisch wäre der Umzug bei einem echten Spießer wohl nicht verlaufen. Er hätte alles minutiös geplant und vielleicht auch im Vorhinein überlegt, wie viel Zeug man eigentlich in seiner Bude hat und ein Umzugsunternehmen angeheuert, bei dem auch wirklich alles ins Auto passt. Er hätte bestimmt auch die Küche schon Wochen im Voraus bestellt, damit sie rechtzeitig zum Umzug da ist. Und so weiter, und so fort.
Ja, in puncto Spießertum ist da noch Luft nach oben. Und so spülen wir unser Geschirr halt im Waschbecken des Gästeklos und testen schon einmal das Angebot der ortsansässigen Lieferdienste, wobei wir gleich den ersten Schock erleben. Denn als verwöhnte Ex-Zentral-Berliner sind wir nun mit einer relativ bescheidenen Auswahl konfrontiert. Doch auch das kann uns die Stimmung nicht vermiesen. Wir befinden uns mitten im suburbanen Abenteuer, mitten in der Neubausiedlung und sind bereit uns all ihrer Herausforderungen zu anzunehmen.
Tatkräftige Unterstützung haben wir dabei zum Glück von meinen Eltern, die uns als erprobte Hausbesitzer, findige Umzugsexperten und liebevolle Großeltern eine Woche lang beweisen, wie unentbehrlich sie für unser Leben sind. Leider wohnen sie jedoch über 500 Kilometer von uns entfernt – also besser nicht zu sehr an ihren Rundum-Wohlfühl-Service gewöhnen. Doch das wir ohne den in Zeiten des Umzugs kaum überlebensfähig sind, zeigt sich schon gleich in den ersten Tagen.
Denn während wir noch überlegen, welche Lampe wir gerade in welchem Raum entbehren können, damit wir abends zumindest eine Teilbeleuchtung des Hauses erreichen, geschieht wenige Häuser weiter etwas Unglaubliches.
Unsere neuen Nachbarn treffen ein: Mit zwei Autos, vielen Eimern, Gartenschläuchen, Erde, einer großen Auswahl an Pflanzen und etwas von dem wir bisher nur gehört haben: Rollrasen. Palettenweise Rollrasen.
Wir ein Sondereinsatzkommando stürmen sie in den Garten, nehmen ihre Fläche ins Visier und legen los.
Wir können nur staunen. Über das Thema Garten haben wir uns nämlich bisher so gar keine Gedanken gemacht. Schließlich sind wir ja froh es überhaupt mit unserem gesamten Hab und Gut hierher geschafft zu haben.
Nicht so unsere Nachbarn. Sie planieren und verlegen, sie buddeln und pflanzen, und bauen zu allem Überfluss am Ende auch noch ein kleines Gartenhaus auf.
Mit jedem Schritt, den sie einem perfekten Garten näher kommen. steigt bei uns die Verwunderung. Gleichzeitig wächst aber auch ein anderes Gefühl in uns: Gartenneid. Denn während unsere Nachbarn an den ersten Sommertagen bereits barfuß auf dem eigenen Rasen turnen können, werden wir von der Terrasse aus auf das unwirtliche gelb-braun des Erde-Sandgemischs unseres Gartens starren müssen. Doch trotz allem Gartenneids wissen wir auch, dass die Bude fertig werden muss. Und so verdrängen wir das saftige Grün der Nachbarn und konzentrieren uns stattdessen auf die gefühlt tausend Kisten, die noch auszupacken sind.
Die restlichen Nachbarn aus der Häuserreihe, die alle ebenfalls zur gleichen Zeit eingezogen sind wie wir, scheinen hingegen schon mit ihren Kisten fertig zu sein. Denn bereits am nächsten Tage hat die Hälfte aller acht Häuser bereits einen Rasen hinter dem Haus, und auch der Nachbar von nebenan kündigt an bald nachziehen zu wollen.
Langsam werden wir und unser Erdreich von den Rasenbesitzern eingekesselt und uns schwant, dass wir bald nachziehen müssen, wenn wir nicht für immer „Die, ohne den Rollrasen“ sein wollen.
Das ist er also, der unbewusste soziale Druck, der Hausbewohner auf der ganzen Welt jedes Jahr dazu zwingt nicht nur überhaupt Weihnachtsdeko aufzuhängen, sondern die Nachbarn auch noch zu übertrumpfen. Und wir stecken jetzt mittendrin.
„Immerhin kommt übermorgen endlich unsere Küche“, versuche ich die Stimmung ein wenig zu heben, doch der Spruch kommt sogar bei mir selbst schlecht an. Wer braucht schon eine Küche, wenn er Rollrasen haben kann. Aber eigentlich wissen wir ja auch, dass wir das erstmal gar nicht wirklich brauchen. Wir haben ganz andere Sorgen. Lieber warten wir den ganzen Sommer lang, bis der Rasen von alleine gewachsen ist. Wir stürzen uns also wieder in unsere Kisten, träumen jedoch alle heimlich von kühlen Getränken, die wir auf einer grünen Wiese im Hochsommer zu uns nehmen.
Wahrscheinlich war der kollektive Gedanke daran so stark, dass er quer durch die Wände der Häuserreihe gestrahlt hat, denn plötzlich steht er vor der Tür: Der Trendsetter, der erste Gartenbesitzer.
„Hey! Habt ihr eigentlich Rollrasen bestellt oder braucht ihr noch?“, fragt er ganz unverblümt. Wir entgegnen ihm, dass bisher kein Rollrasen geplant sei.
„Na, wenn ihr Bock habt, könnt ihr unsere Reste haben. Wir haben nämlich zu viel bestellt und wenn der heute nicht verlegt wird, kann man den eigentlich nur noch wegschmeißen.“
Mein Mann und mein Vater überlegen keine Sekunde, sondern machen sich gleich ans Werk. Binnen weniger Stunden bringt das eingefleischte Schwiegerteam den Rasen hinters Haus und macht aus dem braunen Schandfleck eine grüne Oase. Zumindest fast. Denn ganz reicht der Rasen nicht aus, und ein großes Stück Erde ist noch am Rand zu sehen. Doch das ist uns egal.
„Wir haben einen Rasen“, freuen wir uns am Abend und stoßen auf das schöne Stück grün hinter dem Haus an und irgendwie auch auf die vorstädtische Spießigkeit.


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