Sie werden so schnell groß (Genieß es!)

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Als meine Tochter sechs Wochen alt war und ich gerade beim Arzt auf eine der diversen Untersuchungen für Neugeborene wartet, wurde ich zum ersten Mal mit dem Spruch konfrontiert, der mich seitdem in verschiedenen Varianten immer wieder verfolgt hat. Da saß nämlich eine ältere Dame neben uns, mit der ich ins Gespräch kam (Mit Babys und Kleinkindern kommt man ja irgendwie immer mit irgendwem ins Gespräch). Und irgendwann fiel er dann, der Spruch: „Hach, genießen sie die Zeit, in der sie noch so klein sind. Die kommt nämlich nie mehr wieder.“

Natürlich hatte die Dame Recht, genauso wie meine Zahnärztin, die Frauen im Supermarkt, im Bus oder sonst wer. Wenn ich meine Tochter dabei beobachte, wie sie munter die Bausteine zu ersten Türmen und Bauten verarbeitet, wie sie singt und tanzt und immer mehr spricht, und wenn ich dann darüber nachdenke, dass sie vor genau einem Jahr gerade erst lernte, durch die Wohnung zu robben, dann wird es mir ganz anders. Ich fühle mich gefangen in einem unaufhaltbaren Zeitraffer, der mir schöne Momente und Erinnerungen raubt, der mein Baby zu schnell groß werden lässt (und mich immer älter, aber das ist eine ganz andere Geschichte).

Doch genau darin lag für mich auch immer die Problematik, dass mich wildfremde Frauen dazu ermahnten die Babyzeit zu genießen. Anfangs entwickelte ich nämlich eine regelrechte „Baby-Schluss-Panik“. Ich hatte so große Angst, dass mein Baby groß wird und dass ich auch nur einen schönen Moment verpasse oder vergesse, dass ich mich ab und an in die Nah-Depression stürzte, wenn ich vermeintlich zu viel Zeit mit anderen Dingen verbrachte.

Jetzt ist die Babyzeit vorbei, einfach so an mir vorüber gerauscht ohne mich zu fragen. Das Baby ist ein Kleinkind, macht Dinge allein, schläft ab und zu sogar eine ganze Nacht in seinem eigenen Zimmer und sagt Nein, wenn es keine Lust auf zu viel Kuschelei hat. Doch nicht nur mein Kindlein ist gewachsen und gereift, auch ich habe Veränderungen durchgemacht. Denn zum Glück habe ich mit der Entwicklung vom Baby zum Kleinkind auch gelernt, dass jede Phase mit dem kleinen Liebling ganz wunderbar ist. Es ist wundervoll ein Baby zu haben, das man mit sich herumträgt, das man knuddeln und umsorgen kann. Es ist jedoch genauso fantastisch zu sehen, wie es sich entwickelt, wie es jeden Tag mehr kann, wie es plötzlich zum kleinen Menschen wird.

Abnabelung ist nichts Schlimmes, so lange wir sie zulassen. Für das Kind und uns selbst. Ich weiß, dass mir da noch viel größere Schritte bevorstehen, dass nicht nur meine Tochter, sondern auch ich, uns immer weiter entwickeln und teilweise auch voneinander entfernen werden. Wir sind halt zwei eigenständige Personen, auch wenn ihr Leben in meinem begann. Deshalb ist umso wichtiger die kleinen Dinge zu schätzen, die Momente der Zweisamkeit. Es ist wichtig, das Handy mal liegen zu lassen, die extra Runde spazieren zu gehen oder den hundertsten Stern zu malen. Es ist wichtig, Liebe zu äußern und anzunehmen, dann wenn sie gerade gefühlt wird.

Ich glaube, das ist es, was mir die alten Damen mit ihrer Warnung eigentlich sagen wollten. Man kann nicht die komplette Kindheit genießen. Schließlich gibt es auch Frust und Müdigkeit, schließlich ist man auch man selbst. Aber man kann sich bewusst gegen zu viel Stress entscheiden und FÜR die schönen Momente mit seinem Kind. Vor allem bedeutet das Genießen der Kindheit aber, den Fortschritt zu umarmen und ihn nicht mit Angst entgegenzusehen. Denn jeder Moment mit dem Kind ist irgendwie schön und kann vom nächsten eigentlich nur noch überboten werden, wenn man es selber zulässt.


4 Gedanken zu “Sie werden so schnell groß (Genieß es!)

  1. Das hast du schön geschrieben!
    Ja solche Sprüche bekommt wohl jeder zu hören. Auch solche Dinge wie “ kleine Kinder, kleine Sorgen, große Kinder, große Sorgen“. Manchmal wünsche ich mir, das es nicht so ist, denn für mich waren viele dieser „kleinen Sorgen“ schon ziemlich groß. Aber wir werden sehen.
    Um den Augenblick wahrnehmen zu können, habe ich kürzlich mein iPhone wieder gegen mein altes zerkratztes Handy eingetauscht. Nun kann ich zwar nicht mehr jeden Moment schnell mit einem Foto festhalten, dafür lenkt mich das Teil aber auch nicht ab, sondern ich erlebe alle Momente mit meinem Buben ganz direkt! Ich bin darüber bislang sehr zufrieden!
    Einen schönen Abend dir!
    Iggy

    Gefällt 1 Person

  2. Hach ja…die Kleinen!
    Mir ging es ähnlich, das mit den depressiven Zurücksehnen. Aber dann kam das zweite, dann das dritte Kindchen und nun ist meine Tochter „groß“ und das ist auch gut so 😉
    Die Abnabelung ist super wichtig und ich merke auch, dass da auf mich und meine Tochter noch einiges zukommt. Aber es ist doch so schön, wenn sie sich unter meine Decke kuschelt…
    Doch ich weiß auch noch wie stolz ich war, als sie gesagt hat, dass sie lieber unter ihrer eigenen Decke schlafen möchte.
    Sie gehört halt nicht mir, sondern nur sich allein.

    Sehr schön geschrieben, übrigens!

    Gruß

    Lucas

    Gefällt 1 Person

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